Das Gleichgewicht und seine Bedeutung für das Lernen und Verhalten - Gut funktionierende Sinnessysteme sind eine wichtige Voraussetzung für das Lernen und für angemessenes Verhalten. Im besonderen Maße gilt das für das Gleichgewichtssystem (siehe Mindmap). Dieses System ist das erste Sinnessystem, welches in der Embryonalentwicklung angelegt wird und zu funktionieren beginnt. Schon in der embryonalen Phase ist das Gleichgewichtsorgan voll funktionstüchtig und registriert erste Lageveränderungen. Bei der Geburt ist der Hirnnerv, der vom Gleichgewichtsorgan ins Gehirn führt (8. Gehirnnerv), schon myelinisiert und damit voll funktionstüchtig. Bei der Myelinisierung werden Fettschichten um den Nerv gelegt, die die Impulsweiterleitung erheblich beschleunigen. Dass bei der Entwicklung des menschlichen Fötus so viel Wert auf diese Myelinisierung gelegt wird, obwohl in dieser Zeit ganz viel andere Wachstums- und Entwicklungsprozesse parallel laufen, zeigt die enorme Bedeutung dieses Organs für das Überleben. Ab ca. der 8. Schwangerschaftswoche werden Lageveränderungen registriert und damit auch schon im sich entwickelnden Gehirn verarbeitet. Hieraus erklärt sich die große Wichtigkeit ausreichender Bewegung während der Schwangerschaft. Kommt es zum Beispiel bei einer Risikoschwangerschaft zu langen Phasen des Liegens, so wird der Fötus nicht mit genügend vestibulären Reizen versorgt und das kann sich dann später in nicht altersgerechten Gleichgewichtsleistungen zeigen.

Das Gleichgewichtssystem steht mit sehr vielen Teilen des Gehirns in Verbindung. Ein gut funktionierendes Gleichgewichtssystem (siehe Mindmap) ist eine unabdingbare Voraussetzung für gelungene auditive und visuelle Wahrnehmungsleistungen. Unausgewogenheiten können sich u.a. auch in der Haltung zeigen. Menschen mit eher schlaffer Körperspannung und Menschen mit einer starken Grundspannung in der Muskulatur zeigen oft Auffälligkeiten in der Gleichgewichtsverarbeitung. Raumvorstellungen setzen auch ein gut integriertes Vestibularsystem voraus. Störungen zeigen sich bei Zahlendrehern, Buchstabenvertauschungen (b-d, 3-Schreibschrift-E, p-q, M-W ...). Auch die Fähigkeit, Zeiten einschätzen zu können und sich zeitlich zu orientieren, hängt mit dem Gleichgewichtssinn zusammen.

Das Gleichgewichtsorgan steht direkt über den vestibulo-okularen Reflex mit den Augen in Verbindung. Dieser Reflex dient der Stabilisierung des Bildes auf der Netzhaut der Augen bei Kopfbewegungen. Jede Lageveränderung des Kopfes wird gemessen und über einen Reflexbogen im Stammhirn werden ausgleichende Bewegungen der Augen in die Gegenrichtung der Kopfbewegungen veranlasst. Funktioniert dieser Regelkreis nicht entsprechend, hat das unmittelbare Auswirkungen auf das Lesen und Schreiben. Da das Bild nicht durch die gegensteuernden Augenbewegungen und Stellreaktionen stabilisiert wird, entstehen ungenaue visuelle Informationen. Das kann sich auch in Unsicherheiten und unangepassten Verhaltensreaktionen zeigen.

Auch gibt es Zusammenhänge zwischen dem Kleinhirn und dem Gleichgewicht. Das Kleinhirn steuert u.a. die Muskulatur, die Motorik und die Körperhaltung und hat damit einen Einfluss auf die Grobmotorik. Es ermöglicht die Orientierung im Raum und erhält über die Brücke willkürliche Bewegungsimpulse aus dem Großhirn. Im Kleinhirn gibt es vier Vestibulariskerne, die ihre Informationen direkt aus dem Gleichgewichtsorgan erhalten. Dewegen können Störungen im Kleinhirn oder verzögerte Entwicklungen des Kleinhirns auch zu Gleichgewichtsschwierigkeiten führen. Zunehmend gibt es auch Informationen, die dem Kleinhirn eine wichtige Funktion bei kognitiven Leistungen zusprechen.

An der Uni Potsdam wurde unter Leitung von Prof. Bittmann 2005 in einer Studie geprüft, ob es Zusammenhänge zwischen Gleichgewichtsleistungen von 11-jährigen Grundschülern und deren Schulleistungen gibt. Das Ergebnis war eindeutig. Die schwächeren Schüler und Schülerinnen zeigten auch schlechtere Gleichgewichtsergebnisse. Nachzulesen ist das im Artikel der Zeitschrift Sportmedizin.

Auch in Hessen wurde ein breite angelegtes Screening Projekt mit 3338 Personen durchgeführt, in dem das Hören, Sehen und das Gleichgewicht getestet wurde. Die Ergebnisse wurden in einen Zusammenhang mit den Noten in Mathematik, Deutsch und Sport gestellt. Auch hier bestätigte sich der Zusammenhang. Mehr Informationen gibt es unter http://www.bildung-kommt-ins-gleichgewicht.de. und auf der folgenden Web-Seite: www.bildung-kommt-ins-gleichgewicht.de/schnecke.htm .

Kurz zusammengefasst lässt sich sagen, dass ein ungenügend entwickeltes Gleichgewichtssystem bei unseren SchülerInnen einen deutlichen Einfluss auf die Schulnoten hat und damit entscheidend die Schullaufbahn bestimmen kann.

Mindmap Gleichgewicht.